Freitag, März 11, 2016

Irmchen wandelt sich / 2. Kapitel

Zuerst, da war sich Irmchen ganz sicher, musste sie schon rein äußerlich so etwas von Künstlerin ausstrahlen.

Ihr erster Weg in ihrem neuen Leben führte sie deshalb bereits sehr früh am Morgen zum Friseur ihres Vertrauens. Sie hatte Glück, er konnte sie direkt bedienen. Nein, heute wollte sie keine neue Dauerwelle, nein, heute da durfte es etwas sehr Gewagtes werden.
Nach kurzer und intensiver Beratung entschied sie sich für blaue, rote und grüne Strähnen in ihrem grauen Haar und einer Flechtfrisur oder wie es modern genannt wurde, Rastazöpfe.
Fünf Stunden später erhob sie sehr zufrieden mit sich und der Welt, inklusive dem Inhalt zweier Gläser des süffigen Friseur-Champus aus dem Stuhl, strahlte ihr neues Spiegelbild an und betrat nach Zahlung einer horrenden Summe die Straße.
Bildete sie es sich nur ein oder war es ganz anders? Die Welt lächelte ihr zu, so, wie seit Jahren nicht mehr.
Nach einem kleinen Lunch (Das musste sie nun mindestens einmal pro Woche einplanen, das war eindeutig große Welt) betrat sie einen Jeansladen. Ja, die neue Irmchen war mutig und wusste was man als Künstlerin so brauchte.
Zwar waren Latzhosen gerade noch nicht in, aber der wieselige Verkäufer hatte („Nur für sie gnädige Frau“, so hatte sie noch keiner genannt!) doch noch eine auf Lager von einem gaaaanz wichtigen Lieferanten aus Frankreich. Irmchen war selig und erstand auch gleich noch die bestickte Lammfellweste, wobei sie den bewundernden Ausruf des Verkäufers genoss: „Na sie wissen aber genau was sich so am Modehimmel demnächst abspielen wird. Sie sind ja so was von trendy!“
Zwei Blusen und vier T-Shirts, sowie zwei karierte Oversize-Hemden, wanderten ebenfalls in ihre Tüte. War es möglich? Noch beschwingter als nach dem Besuch des Figaros verließ sie den Laden.
Was sie nun noch benötigte waren, sowohl Holzpantinen für das Atelier, als auch Worker-Boots für die öffentlichen Auftritte, und Ketten! JA! Sie benötigte dringend diese wundervollen lasziven Chanel-Ketten für den gelungenen Auftritt, der sich vor ihrem geistigen Auge gerade abspielte.

Es war spät, als Irmchen die Haustür öffnete.
Es wurde noch später, bis Irmchen diesem Ignoranten von Ehemann erklärt hatte, warum sie um Himmels Willen sie so aussah.
Was sich aber in ihr ausbreitete, war ein Gefühl von unglaublicher Zufriedenheit.

Ja, es war toll eine Künstlerin zu sein.
Sie musste das unbedingt gleich der Welt mitteilen und natürlich mit einem Selfie dokumentieren.
Irmchen suchte die Stelle im Haus, die so richtig etwas her machte. Wer sah schon, dass diese glänzende und reflektierende Fläche das Klo war, schob noch eine Stehlampe zur Beleuchtung heran - bei Blitz bekam sie immer rote Augen - und drückte ab. Zur Sicherheit noch eines und noch eines. Sie kam richtig in Schwung.
Dann postete sie, zusammen mit künstlerisch verwackelten, geheimnisvoll glitzernden Fotos von sich: "Angekommen in meinem neuen Leben!"
Teilte es gleich noch ungefragt auf die Timeline anderer Konten und fragte, sie war gerade so schön in Schwung, bei 5 sehr interessanten und ganz wichtigen Menschen die Freundschaft an.
Ein Gefühl. wie seit ihren Teenager-Jahren nicht mehr erlebt, breitete sich in ihr aus. 
Ja, Irmchen war nun wer.

So war es dann auch gar nicht verwunderlich, dass Irmchen am nächsten Morgen bereits um 6:00 Uhr durch das Haus lief auf der Suche nach dem Zimmer, das in Zukunft ihr Atelier werden würde.
Dem durch ihren Lärm herbeieilenden Gatten erklärte sie, sie sei auf der Suche nach dem Raum, der sie beflügeln würde, weil da die Atmosphäre und die Inspiration wohnen würden. Das hatte sie gestern noch auf der Seite eines Filmstars, zu seinem neuen Film, gelesen und genau das wollte sie nun auch erleben.
Zwar gab es anschließend eine etwas längere und lautere Diskussion, warum denn ausgerechnet die Bibliothek des Hausherrn nun ausgeräumt werden müsse und völlig neu zu gestalten sei. Aber als Irmchen heulend verkündete, dass sie schon immer gewusst habe, er würde sie gar nicht richtig lieben, da war die Schlacht entschieden. 
Mannlieb zog es deutlich mehr vor, seine Frau aktiv und glücklich zu sehen, als nochmals diese lähmende Disharmonie der vergangenen Zeit zu durchleben.   

Eine Woche später kamen die Maler und strichen drei Wände kalkweiß … „Ich brauche das, um ins Nichts zu schauen und aus dem Nichts zu schöpfen“, der Satz war ihr im Netz auf der Seite des Malers Max Nutz aufgefallen, ... und die vierte Wand tiefrot.
„Nur Rot bringt mein Blut in Wallung“ verkündete Irmchen, nachdem die Handwerker das Haus verlassen hatte und sie theatralisch in einem großen tiefen Sessel, den sie inzwischen erworben hatte, versank. OK, dieser Satz war auch nicht von ihr, machte aber sehr viel her, wie sie fand. Zudem fühlte sie sich gerade so lebendig, so jung, so beschwingt ... dieser Satz konnte durchaus auch von ihr sein.
Schrieb sie eine Doktorarbeit? Nein, sie war eine freie Künstlerin.

Morgen, ja, und morgen würde sie das Atelier einrichten. Und da Hugo, ihr Mann bisher so geduldig gewesen war, würde er sie begleiten dürfen.
An gewissen Dingen ihres aufregenden Kunstlebens sollte er doch teilhaben.
Zuerst aber musste sie dringend posten.

Fortsetzung folgt


März 2016
(c) U.Pahnke-Felder

Kommentare:

Hetty Grauber hat gesagt…

Super, weiter so.

Lisa Meintner, Regensburg hat gesagt…

Mein Gott wie schön schräg. Wann geht es weiter?