Donnerstag, März 10, 2016

Irmchen / 1. Kapitel

Kennen Sie eigentlich Irmchen?
Nein?
Nun Irmchen heißt eigentlich Irmgart-Maria Schmidtchen. So wurde sie zumindest in das Geburtenregister eingetragen und anschließend getauft. Aber sie kam schon sehr früh zur Überzeugung, dass man mit diesem Namen einfach nichts Tolles werden könne. War es bei ihrem ersten Kontakt mit dem Kindergarten oder wenig später mit der Schule, dass diese Erkenntnis in ihr reifte?
Irmgart-Maria war ja schon nicht gut, aber dann Schmidtchen! Sie zog alles zusammen und nannte sich fortan Irmchen ..., zumindest in ihrer Phantasie.

So belastet ertrug sie die Schule bis zum erfolgreichen Abschluss der Mittleren Reife und sah sich wenig später in einem kleinen Büro als Lehrling zur angehenden kaufmännischen Angestellten. Was sie dann, nach erfolgreicher Prüfung, in den nächsten 40 Jahre blieb, nur kurz unterbrochen durch Heirat, Geburt eines Kindes und 3 Jahre Hausfrau und Mutterschaft.
Aber inzwischen war sie auch im richtigen Leben zu Irmchen geworden und träumte. Schließlich hatte sie genügend Zeit in ihrem kleinen Büro, in dem sie nun zur Büroleiterin aufgestiegen war.
Sie erträumte sich eine Welt, mit ihr als Hauptakteurin, die zu einer Hälfte aus den Hochglanzgazetten genährt wurde und zur anderen Hälfte aus den wundervollen Fernsehshows.
Ja! Jeder konnte ein Star werden. Auch sie!
Also träumte sie sich in diese wunderbare Welt des Erfolgs und der Wichtigkeit.
Montags rettete sie Menschenleben als Ärztin am Amazonas, am Dienstag war sie Schlagerstar und wurde für ihre Leistungen mit Echos überhäuft, Mittwochs beschützte sie die Welt als Spezialagentin, Donnerstags erhielt sie den Deutschen Filmpreis und am Freitag, kurz vor dem Wochenende. war sie eine Mutter Theresa der Weltpolitik und erhielt den Nobelpreis.
Schade nur, dass sie sich durch das Wochenende mit einem ganz normalen Ehemann und einem pubertierenden Sohn quälen musste. Logisch, dass sie bald kein gutes Haar mehr an diesen Gemahl fand und sich, konsequent, irgendwann auch nicht mehr an ihn verschwendete.  

Kurz vor ihrer Pensionierung und dem drohenden grauen Alltag in ihrer biederen 3 Zimmerwohnung - das Kind war schon vor langer Zeit aus ihrem Leben geflohen und hatte ein eigenes aufgebaut, - gönnte sich Irmchen etwas ganz Tolles.
Irmchen hob einen Teil ihres Ersparten vom Konto ab und investierte dies in eine Kreuzfahrt.
Wenigstens einmal im Leben wollte sie so etwas wie eine „High-Society-Erfahrung“ machen. Endlich wollte sie die Hauptperson sein und richtig verwöhnt werden.
Das Wunder geschah. Irmchen erlebte die große Welt und traf beim bereits zu Hause gebuchten Kapitäns Dinner dann auch noch auf einen nicht unvermögenden Herrn aus dem Bürgertum der Vorstadt.
Irmchen nahm es als Fügung des Schicksals und ehelichte den nicht unsympathischen Herrn als willkommenes Mittel, einem gutsituierten Lebensabend entgegen zu gehen. Zog zu ihm ins Eigenheim und genoss das, was ihr bisher in ihrer kleinen Büro- und Zahlen-Welt verschlossen geblieben war.

Die ersten beiden Jahre ging es gut. Es gab vieles für sie zu entdecken. Dann kam die Rente, für Beide. Dieser Umstand ging einher mit einer schnell einsetzenden Desillusion. 
Auch dieses männliche Wesen war nur bieder, wenn auch auf einem höheren, ihr noch immer nicht ganz vertrauten Niveau.
Irmchen wurde unzufrieden, launisch.
Sie beschloss: Sollte sich doch das männliche Wesen in ihrem Alltag über die Sendungen, die sie liebte, lustig machen. Aufgeben konnte sie ihn wegen der erlangten Bequemlichkeiten vom eigenen Haus, großen Auto und Segelschiff, sowie Theater- und Konzertbesuchen im Monats-Abonnement nicht.
Nach verzweifelten und einsamen „Zwei-Personen-Monaten“ im Ruhestand entdeckte Irmchen den Komfort des eigenen Schlafzimmers und das Internet. Oder mehr die vielfältigen Möglichkeiten in diesem Medium ihren Traum zu leben.
Hier traf sie auf andere Gaukler des Alltags, auf Schaumschläger, Möchtegern-Intellektuelle, 1-Zimmer-Großgrundbesitzer und die schillernde Erlebnis-Welt der Lieschen- und Otto-Künstler. Las abends im Bett auf ihrem Laptop, eingekuschelt in den weichen Kissen, die erfundenen aber für sie wahren Geschichten, wie sich all diese "Freunde" selbst verwirklicht hätten, was sie erlebten und in wackeligen Selfies dokumentierten.
Und endlich war Irmchen angekommen und wusste, wohin sie gehörte und was sie sein wollte.

Sie würde ein Teil dieser (Schein)Welt werden. Endlich! 
Ihre Bestimmung war es, Künstlerin zu werden!
Hatte nicht schon ihr Zeichenlehrer in der 2. Klasse zu ihr gesagt: „Irmgart-Maria, das ist doch schon sehr schön.“

Das Lachen der Klassenkameraden hatte sie längst verdrängt.

Fortsetzung folgt


März 2016
(c) U.Pahnke-Felder

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