Montag, August 15, 2011

Die Flucht / Teil 2

Wie dem auch sei, meine Mutter begleitete von nun an unbeirrt meinem Vater auf seinen Wahlreisen im Beiwagen, mit Tochter. Was wiederum die Popularität meines Vaters ungemein vergrößerte. Einige Monate nach diesem Ereignis gewann mein Vater wieder seinen Wahlkreis, diesmal sogar haushoch und wurde zum Kreisrat ernannt.
Das Leben war einfach zu schön, obwohl die Ideen der neuen Machthaber meinen Vater immer mehr irritierten, aber er genoss seine kleine, heile Welt. Er war überzeugt, dass sich alles zum Guten der Menschen wenden würde. Man musste nur Geduld haben, eine Schreckensherrschaft von 12 Jahren wischte man nicht in einer Nacht aus, war sie doch zu sehr in den Köpfen der Menschen verankert. Als jedoch die russischen Generäle und die von ihnen in den Sattel gehobene neue SED anfingen, die zurückkehrenden Kriegsgefangenen zu enteignen, alles und alle zu kontrollieren, stellte er mehr und mehr sein eigenes politisches Engagement in Frage. Er äußerte - erst im Freundeskreis, später öffentlich - seine Zweifel. Auch das sich abzeichnende Modell der DDR mit seiner allumfassenden Partei SED, fand nicht seinen Beifall. Für seine Gefühle, entfernte man sich zu sehr von den Idealen Marx und begann ein zwei Klassensystem: die Machthaber, mit allen Rechten oben, das Volk, ganz ohne Rechte unten. Die ersten Freunde begannen, ihn zu warnen. Er wurde angefleht, sich zurückzunehmen. Aber mein Vater wollte und konnte seinen Mund nicht halten. Statt dessen organisierte er für die Eltern meiner Mutter einen „Umzug“ zu ihrer Adoptivtochter in den Westen.
Als diese in Sicherheit waren, bat er meine Mutter, ihnen zu folgen, als Besuch getarnt. Er selbst wollte es ihr einige Tage später gleichtun. Leider war es meiner Mutter nicht mehr möglich, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Sie wurde mit einer nassen Rippenfellentzündung ins Hospital eingeliefert. Hier entdeckten die Ärzte, dass meine Mutter bereits im vierten Monat schwanger war. Was bei ihr die bereits erprobte Haltung wieder hervorrief: nein, das ist nicht wahr! Sie schluckte also weiter alle Medikamente, die zwar ihre inzwischen eitrige Rippenfellentzündung heilten, aber nicht besonders förderlich für den Embryo waren. Dieser entwickelte sich jedoch im Gegenzug und trotz aller Warnungen der Ärzte prächtig. Mein Vater war selig über dieses neue Menschlein. Bot sich doch die reelle Chance, dass sich das neue Baby als männlich herausstellen würde. Er war bei dem Gedanken an einen Stammhalter nicht zu bremsen. Gleichzeitig war er klug genug zu erkennen, dass sein politischer Einsatz in der sowjetischen Besatzungszone, sowohl für ihn als auch für seine Familie, nicht länger ungefährlich war. Er begann endlich die Warnungen seiner Freunde ernst zu nehmen.
Von nun an betrachtete er die Zuhörer auf seinen Veranstaltungen näher, hörte genauer zu, wenn Anweisungen der russischen Generäle kamen und las seine Post sorgfältiger. Sehr zu seinem Entsetzen musste er erkennen, dass sich die Schlinge um seinen Hals bereits sehr eng gelegt hatte. Ein falscher Schritt und sie würde sich unweigerlich fest zusammenziehen. Nun war Vorsicht geboten. Jede seiner Aktionen musste sorgfältig geplant werden, damit ihm etwas Zeit zur Vorbereitung der Flucht mit der kleinen Familie bliebe, wobei meine schwangere Mutter eine der Stärken in seinem reifenden Plan war.
Die einfachste Art der Flucht erschien ihm die getrennte. Er als harmloser Politreisender durch seinen Wahlkreis getarnt, denn wer würde glauben, dass er seine schwangere Frau und das noch nicht ein Jahre alte Kind im Stich lassen würde? Meine Mutter als schwangere Ehefrau, denn wer würde einer schwangeren Frau, aus der Luxusposition der Politikergattin, unterstellen, dass sie in den Westen flüchten würde?
Er plante alles sehr genau, während er gleichzeitig sein Image als idealistischer Politiker und leicht verträumter Professor bewusst weiter ausbaute und somit eine Spur in die falsche Richtung legte. Er bereiste die Provinz, um sie für seine Zwecke genauesten zu erkunden.
In seinem Kopf reifte der Entschluss, die Ostzone nicht auf direktem Wege in Richtung Westen zu verlassen. Nein, er unterstellte, daß dies alle von ihm erwarten würden. Er musste sie täuschen. Er wollte die Zone in umgekehrter Richtung, also nach Nordosten über Frankfurt/Oder verlassen, um dann nach einer groß angekündigten Rede nachts heimlich nach Südwesten, in Richtung Zwickau zu trampen. Er hoffte, diese Strecke in zwei Nächten zu bewältigen. Von hier aus wollte er sich nach Nordwesten wenden, nach Magdeburg. Konnte er sich unerkannt unter die Arbeiter mischen, die für den Aufbau Berlins hier in Baracken lebten, bestand die Möglichkeit, ohne weitere Kontrolle, mit diesen Arbeitern im Frühzug nach Berlin zu reisen. Dies war das einzige noch offene Schlupfloch zwischen Ost und West.
Er weihte meine Mutter in seinen Plan ein, die seit einigen Wochen aus dem Krankenhaus entlassen war. Sie wiederum, so wurde beschlossen, solle einige Tage nach seinem Reiseantritt die Ostzone in Richtung Westen über Dresden verlassen. Offiziell, um ihre alten Kollegen aus dem Krankenhaus zu besuchen. Aber hier sollte sie plötzlich Schmerzen und Wehen bekommen. Die alten Kollegen und Freunde, denen man trauen durfte und sie deshalb einweihte, sollten dann meine Mutter wegen undefinierbarer Komplikationen in das besser ausgestattete Krankenhaus nach Weimar bringen. Hier sollte sie sich, da es ihr wieder besser ging, offiziell in Richtung zuhause, also Bautzen, verabschieden. Um dann doch einen Zug nach Berlin zu besteigen. Die Flucht wäre dann für sie weniger anstrengend. Einer Schwangeren mit Kind würde man keine Probleme bereiten, so hoffte mein Vater. Zur weiteren Tarnung sollte sie sich vor ihrer Flucht jeden Tag in der Zentrale der Partei melden, um mit der Sekretärin meines Vaters über seine Reise zu plaudern und ihren Stolz für seinen Einsatz in der guten Sache bekunden.
Einige Tage später wusste er, dass ihm überhaupt keine Zeit mehr blieb. Er hielt eine Einladung ins Sicherheitsgebäude nach Bautzen, zwecks Anhörung, in den Händen. Was das zu bedeuten hatte, brauchte ihm keiner zu sagen. Da kannte er sich zu gut aus. Er musste sofort handeln.
Er erfand einen Aufstand wegen Materialmangels in einer Hemdenfabrik in Frankfurt/Oder. Diese meldete er den russischen Generälen und schlug vor, um die Einhaltung des Plansolls nicht zu gefährden, das Problem vor Ort selbst zu regeln. Man gestattete ihm die Reise und setzte die Anhörung für einige Tage aus. Er nutzte diesen Aufschub und verschwand noch in der selben Nacht, mit einer Tasche seiner wichtigsten und nötigen Papiere, trampend in Richtung Zwickau.
Er hatte keine Sekunde zu lange gezögert. Am nächsten Morgen standen die Herren der neuen Errungenschaft - des Staatssicherheitsdienstes - vor der Tür meiner Mutter, um meinen Vater sofort zur Anhörung zu begleiten. Aber meine Mutter spielte die Rolle der unschuldigen, ahnungslosen, schwangeren Ehefrau sehr gut. Nach kurzem Staunen über den Umstand, dass mein Vater in Frankfurt sei und dem Studieren der Papiere der russischen Generäle, verließen sie die Wohnung, nicht ohne einen Posten zurückgelassen zu haben. Was für meine Mutter hieß, auch sie musste sofort handeln.
Sie nahm den Kinderwagen, legte alle restlichen wichtigen Papiere und meine Schwester hinein und machte sich auf den Weg zur Sekretärin meines Vaters. Dabei war sie sehr darauf bedacht, dass ihr Bewacher auch alles mitbekam. Danach plauderte sie bei einer Tasse Muckefuck angeregt über alles Mögliche, um plötzlich Wehen zu verspüren. Das jetzt, wo doch ihr Mann auf Dienstreise sei. Sie verlangte lautstark, sofort nach Dresden ins Krankenhaus gebracht zu werden und forderte alle im Raum auf, ihren Mann unverzüglich zu benachrichtigen.
Sie schaffte es, zusammen mit meiner Schwester und dem Kinderwagen, in Dresden als noch stets in den Wehen Liegende zu landen. Hier hielt man sie sicherheitshalber einige Tage zur Beobachtung im Krankenhaus, was ihr die Zeit gab, ihre Freunde einzuweihen und um Hilfe zu bitten. Sie hoffte inständig, dass mein Vater inzwischen unerkannt in Magdeburg eingetroffen war.
Sie selbst setzte ihre Reise in einem Krankenwagen Richtung Weimar fort. Zur Freude aller ging es ihr kaum dort gelandet wesentlich besser. Die Wehen waren wie weggeblasen. Jeder war glücklich, schrieben wir doch erst Juni und der Geburtstermin war für den September ausgerechnet.
Es gelang meiner Mutter, in ihrem schwangeren Zustand und mit dem Kinderwagen, auf dem Bahnhof in Weimar ihrem, sie seit Bautzen begleitenden Schatten zu entwischen und den Zug nach Berlin zu nehmen. Hier traf sie am nächsten Tag in der schwedischen Botschaft in Westberlin meinen Vater wieder.
Er hatte seine Flucht zweimal fast scheitern sehen, denn kaum war deutlich, dass er nicht in Frankfurt war, stand er auf den Fahndungslisten aller Polizeieinheiten im Osten, als zerstörerisches Element und Feind der demokratischen Ordnung. Das bedeutete, alle Züge wurden noch strenger kontrolliert und er musste sich zu Fuß nach Berlin durchschlagen.
Den Prozess, den man meinem Vater später in Abwesenheit machte, endete mit dem Urteil: 5 Jahre Gefängnis Bautzen und anschließende Umerziehung zur sozialistischen Linientreue in einem Lager irgendwo in Sibirien.

Aus meinem Roman:    Family Diary


August 2011
(c) U.Pahnke-Felder

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