Samstag, August 13, 2011

Aus meinem Roman "Family Diary"

Anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbau`s, werde ich in den nächsten Tagen ein Kapitel aus meinem Roman "Family Diary veröffentlichen.

Die Flucht
Teil 1

Meine Eltern hatte es beide durch verschiedene Umstände nach dem Krieg in die Stadt Dresden verschlagen.
Mein Vater traf meine Mutter im Krankenhaus als er seine erste Frau besuchte, die hier im Sterben lag. Meine Mutter, die im selben Krankenhaus ihr klinisches Praktikum als angehende Zahnärztin absolvierte, hatte sich mit ihr angefreundet. Nach deren Tod war sie meinem Vater eine verständnisvolle Zuhörerin, denn auch sie war Witwe. Zudem stammten beide aus Schlesien und wussten, diese Heimat können sie, bedingt durch die neue Verteilung, nie wiedersehen.
Es kam, wie es kommen musste; zwei verwandte Seelen fanden sich und beschlossen gemeinsam dem Leben entgegen zu treten.
Dass mein Vater 16 Jahre älter war als meine Mutter, störte sie beide nicht sonderlich, im Gegenteil. Wichtig erschien es meinem Vater nur, dass er meine Mutter vor ihrem 30 Geburtstag ehelichte. Er pflegte später immer stolz zu sagen, er habe im reifen Alter von immerhin bereits 46 Jahren noch einen Twen zum Weibe genommen.
Die Hochzeit fand zehn Tage vor dem 30. Geburtstag meiner Mutter statt. Es war ein wichtiges Ereignis, nicht nur für die Beiden, war doch mein Vater Politiker.
Er hatte es nach dem Krieg und dem Zusammenbruch als seine Aufgabe angesehen, Deutschland in eine neue Zukunft zu führen. Nicht weiterhin als Professor an der Humboldt Universität lehrend, nein er wollte Taten vollbringen. Die Lehre von Marx erschien ihm logisch. Mit einem Schuss Humanität versehen, schien sie ihm der richtige Weg aus dem Zusammenbruch, nach der Willkürherrschaft eines Herrn Hitler und seines Gefolges. Somit war für ihn keine Sekunde des Zweifeln möglich, als 1946 die sich neu formierenden Christdemokraten ihn für einen Posten in der sowjetisch besetzten Zone, im Wahlkreis Bautzen/Dresden aufstellten. Mein Vater gewann mit einer überzeugenden Mehrheit.
Als er dann Witwer wurde, trauerten seine Anhänger, und nun, da er ein neues Glück gefunden hatte, gönnten ihm die gleichen Leute dieses Glück von Herzen. Sie wollten Perspektiven. Eine Hochzeit war eine Perspektive, ein Neuanfang.
Man residierte nach der Hochzeit, dem Amt angemessen, in einer Villa in Bautzen. Die ehemals jüdischen Besitzer waren entsprechend Hitlers Judenpolitik enteignet und hatten ihr Leben in einem KZ verloren. Den russischen Siegern war dieser entstandene Leerstand nur recht. Konnten sie doch demonstrativ zeigen, dass ihnen die neue Demokratie, schon rein äußerlich, etwas Wert war. Sie verteilten die noch intakten, leerstehenden Gebäude an die neuen „Mächtigen“, jene, die das Volk gewählt hatte.
Zur Villa gehörte, neben der kompletten, teilweise antiken Einrichtung aller neun Räume, inklusive eines traumhaften Ballsaals und einer Bibliothek, die mein Vater mit seinem großen Besitz an Büchern noch kräftig erweitert hatte, auch der alte Wagenpark. Soweit er noch intakt war, wurde er auch trotz Benzinknappheit benutzt.
So kam es, dass mein Vater in dieser Zeit der stolze Eigentümer zweier Autos, eines Mercedes und eines Citroens, sowie eines Motorrades war. Meine Mutter liebte besonders das Motorrad. Nicht dass sie es selbst lenkte, nein hinter meinem Vater auf dem Sozius sitzend, den Wind in den Haaren, das gab ihr das Gefühl von Freiheit. Ein Gefühl, das sie auch während der gesamten Schwangerschaft nicht aufgab.
Diese Schwangerschaft hielt sie sowieso schlicht und einfach für ein Versehen der Natur. Sie in ihrem Alter, das konnte doch nicht stimmen. Der Arzt hatte sich, nein, musste sich vertan haben, war ihre Einstellung. Diese legte sie, folgerichtig dann auch sehr zögerlich, erst während des Geburtsvorganges ab. Zur Sicherheit, man wusste ja in ihrem fortgeschrittenen Alter nicht, befand sich anstelle von Windeln für das Baby ein Totenhemd für sie in ihrem Wöchnerinnenkoffer. Nach einer schweren Nacht aber hielt sie am frühen Morgen tatsächlich ein Baby im Arm, ein kleines Mädchen, meine Schwester.
Auf die Frage meines Vaters, was sie sich denn zur Geburt wünsche, wählte sie den wohl erstaunlichste Gegenstand anlässlich solch eines Ereignisses, einen Beiwagen fürs Motorrad. Womit sie ihren Sinn für Originalität und Freiheitswillen einmal mehr unter Beweis stellte. Mein Vater muß einiges zu organisieren gehabt haben, doch am Tage ihrer Entlassung holte er sie und das Kind, zum Entsetzen des Krankenhauspersonals, im Motorrad mit Beiwagen ab.
Die Eltern meiner Mutter fanden, dass es zu den Verrücktheiten ihrer Tochter passte, solch einen Wunsch zu äußern. Sie waren ja bereits einiges von ihrer Tochter gewöhnt. Dass aber der Schwiegersohn diesen Wunsch auch noch erfüllte, hätte er doch als studierter Mann solchen Kindereien nicht nachzugeben, noch dazu in seinem Alter, fanden sie sehr befremdlich.

Fortsetzung folgt


August 2011
(c) U.Pahnke-Felder

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