Montag, Oktober 04, 2010

Auf nach Namur

Der nächste Morgen schaut nicht schlecht aus, zumindest das, was uns da so hinter der Gardine anstrahlt.
Sollten wir endlich mit dem Wetter Glück haben?

Aber bevor wir aufbrechen, erwartet uns ein reichhaltiges Frühstück im Esszimmer unserer Wirtin. Kaffee und Kuchen, Brot und selbstgemachte Marmelade, Wurst, Käse, Butter und die liebevoll besorgte Frage: … ist es genug oder soll ich noch etwas holen?...
Auch besteht unsere Übernachtungsmutter darauf, dass wir ein Lunchpaket zusammenstellen. Sie weiß ja vom Schwager, es ist anstrengend.
Sie winkt uns freundlich aus. Ein letztes Foto und auf geht es wieder.

Wir setzen die ersten Schritte in Richtung Kirche, die nur 3 Straßen weiter zur Maas hinunter liegt. Hier sollen wir unseren Stempel bekommen. … Leider ..., so müssen wir von der uns öffnenden Haushaltshilfe des Pastors erfahren, … sie kommen umsonst, der Herr Pastor ist im Urlaub. Den Stempel bekommen sie heute in der Touristeninformation...
Den Weg muss sie uns nicht beschreiben. Wir laufen hinunter zur Maas und biegen kurz vor der Brücke zum Rathaus ab, dort auf dem Platz liegt ein wunderschön renoviertes Jugendstilhaus, worin sich das Büro befindet. Natürlich werden wir erkannt und bekommen unseren Stempel.

Unten am Fluss beichtet mir Wolfgang, dass sich sein Knöchel wieder meldet. OK, dann eben heute auch nur ein kurzes Stück. Wir müssen doch nicht hetzen. Zudem, das Wetter ist doch gar nicht so schlecht.
Leider ändert sich das innerhalb der nächsten 3 Stunden gründlich. Erst ziehen Wolken auf, dann wird es dunkel und der erste Nieselregen zwingt uns die Regenjacken aus dem Rucksack zu holen und über zu streifen.

Auch wenn das Wetter trostlos ist, die Umgebung ist wildromantisch. Die Felsen rücken wieder näher ans Flussbett und auf den kleinen Wiesen stehen zauberhafte Villen. Der Fotoapparat wird arg strapaziert.
Unsere Gespräche kreisen wieder um die Krebskrankheit unserer Tochter. Aber die Bitterkeit und Verzweiflung nimmt mit jedem Schritt ab. Wir können es nicht ändern, diese Erkenntnis beschleunigt unseren Schritt und so sind wir ganz überrascht, dass wir bereits Masche les Dames hinter uns gelassen haben, als wir Hunger verspüren und auf die Karte schauen. Da es auch Zeit für die Mittagspause ist, verlassen wir den Weg, der hier streckenweise die alten und die neuen Zeichen trägt und gehen hoch ins Dorf Brumagne. Nicht weit und wir sehen eine kleine Bäckerei mit Gaststube.
Frische Croissants mit Käse und dem guten Ardenner Schinken belegt, dazu eine große Tasse Kaffee, wir sind glücklich und zufrieden. Draußen vor dem Fenster geht ein Wolkenguss nieder. Ach was soll`s, dann eben noch eine Tasse Kaffee.

Eine Stunde später sind wir wieder auf dem Weg zurück und genießen, teilweise wieder in unsere Regenjacken gehüllt, die Landschaft. Uns geht es richtig gut.

Als wir das total zerbeulte Flusskilometerschild 39 passieren, können wir es nicht fassen. Wir sind an der Stadtgrenze von Namur. OK, scheint so als hätten wir heute Flügel. … Wie geht es dem Fuß?...
… Nicht gut, jetzt da Du fragst. Zeit für eine Übernachtungsmöglichkeit. …
Wir beschließen, dass die Jugendherberge von Namur in wenigen Kilometern doch eine sehr gute Adresse sein könnte. Schließlich haben wir ja sehr gute Erfahrungen in Maastricht vor 2 Jahren gemacht. Zudem ist sie hier auch wieder direkt an der Maas gelegen, in Richtung Dinant.
Leider ziehen sich die letzten Kilometer immens. Liegt nicht an gestutzten Flügeln sondern an zwei heftigen Wolkengüssen, die uns nötigen zuerst unter einer der Stadtbrücken von Namur, mit Traumblick auf die Sambre, die hier in die Maas mündet, zu verweilen. Später nochmals in einem Café, einen Kilometer vor dem Ziel.
Endlich stehen wir doch an der Rezeption und erfahren: ... Ja, es ist halt heute sehr voll. Liegt am Wetter. Viele wollen nicht weiter in die Maasschluchten der Ardennen bei diesem Regen. Wenn sie aber in einem 4-Bettzimmer mit zwei anderen Herrn übernachten würden, dann hätte ich da noch etwas für sie....
Keine Frage, wir sind müde, Wolfgangs Fuß schmerzte auf den letzten Kilometern immer mehr, der Hunger meldet sich brutalst, der nächste Regenguss geht draußen hernieder, also zugreifen.
Unser Zimmer ist geräumig und sauber. Die beiden Männer entpuppen sich als Vater und 10 jähriger Sohn, aus den Niederlanden, die auf einer Radwanderung sind. Wir finden uns sehr sympathisch und auch eine Verteilung auf die beiden Stapelbetten bereitet überhaupt keine Schwierigkeit.

Heute kein Spaziergang zum Abend. Wolfgangs Fuß ist dick geschwollen als er unter der Dusche hervorkommt. Also lümmeln wir müde im Aufenthaltsraum bis zum Abendessen herum und entspannen bei Gesprächen mit den anderen Gästen. Wir tauschen unsere „Unterwegserfahrung“ aus. Wolfgangs Traum, doch ein Stück der Strecke eventuell mit dem Fahrrad zurück zu legen, zerplatzt bei der blumigen Schilderung von Stürzen auf Rollsplitt eines Paares, das auf dem Rückweg von der Loire ist.
Wenig später erwartet uns im Esssaal keine wirkliche kulinarische Sensation. Zuerst ein Salatteller, danach Spagetti mit einem Fleischspieß. Als Nachtisch wird uns eine gemischte Käseplatte serviert. Das Highlight innerhalb dieses Essens.

Später finden wir uns an der Bar der Jugendherberge in einer Gruppe Tänzer, Akrobaten und Musiker aus Polen, Belgien und Frankreich wieder, die in Namur beim Zirkusfestival auf der Zitadelle auftreten und ebenfalls hier untergebracht sind.
Viel zu spät fallen wir ins Bett. Aber es war soooooooooooo toll, diese Begegnung.


Oktober 2010
(c) U.Pahnke-Felder