Mittwoch, September 29, 2010

Dienstag, September 28, 2010

Montag, September 27, 2010

Mittwoch, September 22, 2010

Donnerstag, September 16, 2010

Mittwoch, September 15, 2010

Andennes

Der nächste Morgen erscheint grau vor dem Fenster des Hotels, als ich die Gardinen zur Seite ziehe, die bis zu diesem Augenblick das Zimmer in ein rostiges Rot tauchten.
OK, dann wollen wir uns nicht erst lange mit dem trostlosen Anblick abgeben, sondern einfach unter die Dusche steigen und laut – sehr laut - singen. Diese Aktion hat zur Folge, dass Wolfgang nun wirklich keinen Wecker mehr braucht. Er ist wach – hellwach, als ich aus der Dusche klettere.

Nachdem wir ein köstliches und ausgebreitetes Frühstück zu uns genommen haben, einige Butterbrote geschmiert und eingepackt haben, versorgt uns der Sohn der Wirtin mit ganz neuen und aktuellen Wanderkarten.
… Der Weg ist neu ..., so erfahren wir … er läuft sehr gut ausgeschildert direkt am rechten Ufer, dem wir aber Flussaufwärts zu folgen hätten, immer am Wasser entlang bis Namur. Dort wechselt er die Flussseite. Ist ganz einfach. Natürlich könnten wir auch die Strecke, na ja, die alte Strecke durch den Wald nehmen. Nicht schön, man sieht nichts, aber das entscheiden Sie. In dem Falle nehmen sie nach ca. 900 Metern den linken Weg, hinter dem Brunnen in den Wald hoch. Gottes Segen und bitte stecken Sie für unsere Familie, besonders meinen Vater ein Kerze an …
Wir hatten ihn gestern Abend kennengelernt. Ein kleiner alter Herr, der stark dementierte und um den sich die Familie trotz großem Andrang im Restaurant liebevoll kümmerte. Selbst als er glaubte, uns bedienen zu müssen, war er voller Charme und strahlte eine unglaubliche Würde aus.

Wir verlassen diesen angenehmen Ort, überqueren die Straße und sehen das Zeichen des Jacobsweges direkt vor uns. Wir folgen ihm, tauchen ein in den sich langsam lichtenden Nebel, auf dem Weg an der Maas entlang. Nach einem kleinen Kilometer sind wir an der Quelle d` Ahin in Saint Leonard. Hier teilen sich die beiden vom Wirt beschriebenen Wege. Wir wählen den Weg der weiter dem Fluss folgt. Nicht nur dass er wirklich landschaftlich schön ist, er ist auch für die durch die Herzerkrankung eingeschränkte Kondition von Wolfgang viel besser.

Langsam trotten wir sehr gemächlich durch die Miniorte, die oft nicht bis zum Ufer herunter reichen. Meine Kamera brauche ich erstmal nicht, es gibt in dieser romantischen Flusseinsamkeit der nächsten Kilometer kein Bushäuschen.
Dafür sprudeln die Gedanken an die letzten 20 Monate mit jedem Schritt bei mir nach oben. Lange verdrängte Schmerzen und Hilflosigkeit angesichts der Krebserkrankung unserer Tochter bahnen sich einen Weg und laufen als Tränen über meine Wangen. Gut, dass es regnet. Und auch Wolfgang schweigt, setzt aber die Schritte schwerer auf den Grund, als es nötig wäre.
Wir machen Bekanntschaft mit freundlich wedelnden Hunden, schnatternden Gänsen und Enten und einer Ziege am Wegesrand und müssen viel öfter als uns lieb ist, die Jacken wegen immer wieder einsetzenden leichten Regenfällen an- und ausziehen. Doch dann, kurz nach dem Miniörtchen Ben, reißt endlich der Himmel auf. Es wird innerhalb einer halben Stunde warm – sehr warm. Auf einem Felsbrocken, der so einladend aussieht, machen wir Rast und vertilgen unsere Butterbrote.

Wolfgang verspürt, als wir weiter laufen, ein leichtes Ziehen im linken Bein. Mehr in Richtung Gelenk. Na, ihm scheint die Pause nicht gut bekommen zu sein.
Also beschließen wir, noch bis Andennes zu laufen und dort ein Quartier zu suchen. Es ist nicht mehr weit, das sollte zu schaffen sein. … Sind das schon die ersten Häuser? .. Ja, wenig später machen wir es uns in einem kleinen Bistro auf dem Platz vor einem Einkaufszentrum gemütlich und schauen dem Einkaufstreiben zu. Wir beschließen zur Touristeninformation zu gehen und dort nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fragen. Auf dem Weg dahin passieren wir wieder Bushaltestellen mit Wartehäuschen, die ich festlege.

Bei der Touristeninformation ist man sehr hilfsbereit und sucht in einer speziellen Mappe, die man unter dem Tresen hervorzaubert nachdem ich unsere Pilgerausweise gezeigt habe, nach Adressen von Privatunterkünften für Jacobspilger.
Diese Familien melden sich in jedem Jahr beim Pastor ihrer Gemeinde, dass sie ein Bett für den müden Wanderer zur Verfügung zu stellen. Alle Adressen werden dann in diese Mappe eingetragen.
Wir erhalten drei Adressen, gleich in der Nähe.

Bei der Ersten, gleich neben der Kirche, stehen wir vor einem Haus, das gerade renoviert wird. Von einem der Bauarbeiter erfahre ich, es wird zu einem „Pilgerhaus“ umgebaut. Die Besitzer, ein holländisches Ehepaar wollen hier eine Herberge wie in Spanien errichten.
Gut, das hilft uns nicht weiter für die heutige Nacht. Also auf zur zweiten Adresse auf unserem Zettel.
Hier öffnet uns eine reizende Dame, die uns aufnimmt. Liebevoll aufnimmt, im Zimmer ihrer Enkel, die gerade gestern in die Ferien abgereist sind. Zusammen beziehen wir die Betten und erfahren, das ihr Schwager bereits dreimal den Jacobsweg gelaufen ist. Sie wird ihn für uns anrufen.
Nicht mal eine halbe Stunde später sitzt er mit uns gemütlich bei Kaffee und Kuchen im Garten. Wir erfahren von ihm vieles über die nächsten Kilometer und die Beweggründe seiner Schwägerin als „Herbergsmutter“ für uns zu sorgen. Er selbst arbeitet ehrenamtlich für die „Society de Jacques“. Er sorgt für eine sichere Beschilderung des Weges, nun nachdem er bereits dreimal den Weg gelaufen sei, zuletzt vor 5 Jahren. Zudem ist er begeistert, dass wir die Flussroute gewählt haben. Er rät uns unbedingt darauf zu bleiben. … Sie sei landschaftlich wunderschön, aber das hätten wir ja bereits selbst feststellen können...
Derweil sorgt die Frau des Hauses singend in der Küche für unser Abendessen. Es werden Spaghetti, sie ist schließlich eine Italienerin, die es durch die Liebe nach Belgien verschlagen hat.

Nach dem Essen machen wir einen Spaziergang durch den Ort. Es ist so wunderschön hier. Überall üppiger Blumenschmuck und wegen eines Kunstprojektes kleine Figuren sitzender Bären auf den Mauervorsprüngen der Häuser rund um den Marktplatz.
Glücklich sitzen wir noch eine Weile am Marktplatz, bevor wir zur Signora zurückkehren und wie Steine ins Bett sinken, in einen tiefen Schlaf.


September 2010
(c) U.Pahnke-Felder

Donnerstag, September 09, 2010

Liege - Huy

Wir treten auf den Vorplatz hinaus und lassen die Sonne unser Gesicht erwärmen. Nein, die Jacken benötigen wir nicht, die können wir sofort in die Rucksäcke verstauen.
Wir begeben uns zur Maas und folgen ihr stromaufwärts in Richtung Namur. Da wollen wir, langsam und gemütlich, in einigen Tagen ankommen.

Dem Lauf der Maas zu folgen ist hier auf den ersten Kilometern im Lütticher Süd-Westen nicht so leicht. Die Strecke, die wir gewählt haben läuft parallel zu einer Schnellstraße und ist an einigen Stellen ungewöhnlich eng für die Fußpassage angelegt. Zudem wird unser Blick durch Fabrikanlagen, die hier bis ans Ufer heranreichen, getrübt.
Im letzten Vorort, Liege-Scessin, wähnen wir uns in einer verlassenen Filmkulisse. Der morbide Charme einer verlasenen Tankstelle mit einem Uraltlaster davor, lässt uns die Gegend nach einer Filmcrew absuchen. Nein, keine gestellte Szene für einen Spagetti-Western.
… Später, würde was verändert. Er hätte jetzt keine Zeit dafür ..., erklärt uns ein alter Mann, der auf einem Stein am Rande der Szene sitzt und sich auf seinen Stock stützt, den er zwischen seinen Knien hält. ...Wohin es geht..., will er wissen. Er findet es weit und dann wünscht er uns eine gute Reise.

Während sich der Himmel zuzieht – das war aber so nicht im Wetterbericht gesagt – geht es weiter in Richtung Haut-Flemalle, wo wir unser erstes Bett für diese Etappe finden wollen. Zumindest so habe ich das per Internet bestellt.
Dort angekommen, müssen wir zu unserem Erstauen erfahren, dass das Zimmer, … sie waren ja noch nicht da und so haben wir gedacht …, an andere Wanderer vergeben worden ist. Hektisches Telefonieren im Kreise der Bekannten beginnt von Seiten des Herbergsbesitzer. Nein, wir müssen durchlaufen bis Huy, nichts zu machen, kein Bett mehr frei. Draußen beginnt es zu regnen.

Wir wechseln die Maasseite und unsere Bekleidung wird „regensicher“. Doch der Regen betrachtet das wohl nur als Ansporn und wird stärker und stürzt nun als dichter Vorhang auf uns nieder. Was hilft es, wir können hier nicht bleiben. Also für einen kurzen Augenblick wenigstens unterstellen. Kurz überlegen: Wie weit ist es noch bis Huy, wie lange laufen wir noch und war da nicht der gute Rat eines Pilgerfreundes aus dem Internet ab Haut-Flemalle besser den Bus bis Huy zu nehmen, wegen des Kernkraftwerkes und des Umlaufs dieses Geländes?
Ca. 2 km weiter passieren wir eine Bushaltestelle und entnehmen dem Fahrplan, das der Bus in ca. 10 Minuten kommen wird. Aber bevor wir diese Option erörtern können, beschließt der Himmel uns die Entscheidung abzunehmen. Eine erneute Sturzflut ergießt sich über uns. Natürlich hat diese Haltestelle kein Bushäuschen und so suchen wir in einer Toreinfahrt Schutz.
Pünktlich rollt der Bus vor. Wir steigen erleichtert ein.
Drinnen ist es fast überfüllt und warm, vom bis vor wenigen Stunden sonnigen Tag. Die Kleidung der Menschen müffelt die Nässe aus. Wir schälen uns aus unserem Regenschutz.
Vorbei an der Atomanlage rollen wir wenig später noch immer im Regen in Huy ein. Am Bahnhof ist für uns die Fahrt zu Ende. Wir suchen Schutz in einem Café und wenige Augenblicke später ist bis auf ein ganz leichtes Nieseln der Regen vorbei.

Wir laufen durch die Stadt zur Maas und weiter zur Zitadelle. … Am Fuße, direkt an der Maas, sei ein Hotel ..., so hatte uns ein liebenswerter Herr in dem Café erklärt und auch gleich telefonisch nachgefragt, ob noch ein Zimmer frei sei.
Die Wirtin, eine ältere Dame, empfängt uns. Als Pilger, die sich auch als solche legitimieren können, hat sie ein spezielles Angebot und so sitzen wir eine halbe Stunde später vor einem gut gefüllten Teller. Oben erwartet uns eine heiße Dusche.
Draußen kommt die Sonne pünktlich für einen grandiosen Sonnenuntergang aus den Wolken hervor. Gleißend und funkelnd in den Regentropfen, die alles bedecken, kündet er von einem nächsten Tag, der sonniger zu werden verspricht.


September 2010
(c) U.Pahnke-Felder

Dienstag, September 07, 2010

Start

Inzwischen sind wir bereits geübtt.

Rucksack vom Boden holen und dabei, mit jedem Schritt auf der Treppe nach oben und wenige Minuten später hinunter, ein inneres, freudiges Hüpfen verspüren.

Es ist endlich wieder soweit.

Dieses Mal stimmt die Wettervorhersage.

* Die Hitze der letzten Tage ist einer gemäßigten Temperatur um die 23° gewichen.

Dieses Mal stimmt die Zeit.

* Wir haben ein Loch in unseren übervollen Terminkalender von 10 Tagen geschaufelt.

Dieses Mal keine gesundheitlichen Probleme.

* Nichts zwingt uns, zuhause zu bleiben.

Die Frage: Was packt man ein? stellt sich auch nicht mehr.

Zwei Paar Hosen, einige T-Shirts, Unterwäsche und Socken, Waschzeug und schon ist man gerüstet.

Wir haben gelernt, dass weniger mehr ist.

Fast schon alte Hasen.

Am nächsten Morgen meldet sich der Wecker ungewohnt früh für einen ersten Urlaubstag. Das übliche Programm des Aufstehen, Recken, Waschen, Trödeln, Frühstücken und in die Gänge kommen läuft an.

Danach die Schuhe binden, Rucksäcke schultern und quer durch die Innenstadt zum Bahnhof.

Der Zug trägt uns hinaus in Richtung Roermond, wo wir zum ersten Mal umsteigen müssen. Unerwarteter Aufenthalt wegen Bauarbeiten an der Strecke lässt uns den Anschluss in Maastricht verpassen. Mit gut einer Stunde Verspätung stehen wir dann endlich auf dem Bahnsteig von Liége-Guillemins.

September 2010

(c) U. Pahnke-Felder