Samstag, Februar 21, 2009

Tatsachen

Große, tränenverhangene Augen, noch größere als sie schon immer waren, schauen mich verzweifelt, aus dem Spiegel des Friseurs, heraus an.

In den letzten Tagen ging es sehr schnell.
Beim Kämmen fandest du immer mehr Haare in der Bürste. Dein Humor wich blankem Entsetzen.
Das, worauf Du immer so stolz warst, löste sich einfach auf, blieb als haariges Etwas morgens beim Aufstehen einfach auf dem Kissen zurück.
Hatten wir in den letzten Tagen den Ausfall noch mit Witzen kommentiert:
... Nun muss man sich einen Sommer lang keine Gedanken mehr um die Bikinizone machen!
jetzt zwingt dich die Tondeuse, die soeben aus dem spärlichem, letztem Flickenteppich auf deinem Kopf eine Tatsache machte, deine Krankheit endgültig zu akzeptieren.

Ein kahler Schädel, für alle sichtbar, lässt keinen Zweifel mehr, du bist eine Krebspatientin.

In wenigen Minuten wird die von dir ausgesuchte Perücke, die fast überhaupt nicht von Deinem echten Haar abweicht, das Bild für die Außenwelt wieder verschleiern.
Jetzt aber, hier unter dem kalten weißen Licht der Neonröhren, jetzt konfrontiert uns dein Spiegelbild überdeutlich mit den Fakten, die wir seit Anfang Dezember kennen.

Jetzt und hier gibt es keine Möglichkeit sich zu trösten, mit Hilfe von Leichtigkeit die Realität tragbarer zu machen.
Hier und jetzt zwingt uns in diesem kleinen Raum dein Anblick der Krankheit ins Angesicht zu blicken.

Ich danke dir, dass ich dich dabei begleiten durfte.



Februar 2009

(c) U.Pahnke-Felder

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